In den nächsten 10 Jahren wird Commerce noch mobiler, „agentischer“, unsichtbarer und stärker reguliert – Payment- und Risk-Provider müssen sich deshalb von „reiner Abwicklung“ zu orchestrierenden KI-Plattformen mit Identity-, Data‑ und Value‑Added‑Services entwickeln. Der BDOA hat in Zusammenarbeit mit der creditPass GmbH eine Befragung von 50 ausgewähltem Marktteilnehmern i.V.m. Dokumentenerstellung aus perplexity.com vorgenommen und kommt dabei zu folgendem Ergebnis (Stand 03-2026):
Wichtige E‑Commerce‑Trends bis ca. 2035
- Starke Zunahme von Mobile‑Commerce und „Super‑Apps“ (Shopping in Wallets, Social Apps, Messenger); Smartphones stellen bis 2035 in vielen Märkten den klar dominierenden Commerce‑Zugang.
- KI‑basierte Personalisierung und Assistenten: Ein Großteil der Kundeninteraktionen und Kaufimpulse wird von KI‑Systemen (Chatbots, Voice, Shopping‑Assistenten) angestoßen und gesteuert.
- Social‑, Live‑ und Embedded‑Commerce: Shopping wird in Social Media, Streams, Games und andere Plattformen eingebettet; klassische Shop‑Frontends verlieren relative Bedeutung.
- Neue Bezahlformen: Instant Payments (A2A), Wallets, Request‑to‑Pay, Krypto/CBDC und „unsichtbare“ Zahlungen (Subscriptions, IoT) verdrängen Kartenzahlung als erste Wahl im Digitalen.
- AR/VR und virtuelle Güter: AR‑Shopping, virtuelle Assets und In‑App‑Käufe wachsen deutlich, was neue Fraud‑ und Chargeback‑Patterns erzeugt.
- Explodierende Fraud‑Komplexität: AI‑unterstützte Angriffe, synthetische Identitäten, Promotion‑Abuse und Friendly Fraud verursachen bis 2030 globale Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe.
- Regulierung & digitale Identität: Ausbau von Digital‑ID‑Frameworks und strengere Regeln zu KYC, SCA, Datenschutz und Open Finance formen die technische und organisatorische Payment‑Infrastruktur.
Konsequenzen für Payment‑Provider (PSP/Acquirer)
Ein moderner PSP muss in diesem Umfeld eher „Commerce‑Enabler“ als „Zahlungsabwickler“ sein.
1. Orchestrierung von Methoden & Rails
- Intelligente Orchestrierung von Karten, A2A/Instant Payments, Wallets, BNPL, Pay‑by‑Bank, CBDCs und gegebenenfalls Krypto – mit KI‑basierter Wahl der optimalen Route nach Conversion, Kosten und Risiko.
- Globale Akzeptanzschicht mit lokaler Optimierung (z.B. UPI, Pix, europäische Instant‑Schemes), inklusive Fallback‑Logik und Smart‑Routing über mehrere Acquirer/Banken.
2. „Invisible Payments“ & Subscription‑Infrastruktur
- Tokenisierte, nutzerzentrierte Credentials für One‑Click‑, In‑App‑, IoT‑ und Agenten‑Zahlungen, inklusive Lifecycle‑Management (Card‑Updater, Abo‑Verwaltung, Credential‑On‑File‑Regeln).
- Subscription‑ und Recurring‑Engines als Service: Billing‑Logik, Smart‑Retries, Dunning, Pre‑Notifications, PSD2‑/SCA‑konforme Mandats‑ und Consent‑Verwaltung.
3. Data‑ & KI‑Services für Merchants
- Near‑Realtime‑Analytics zu Zahlarten‑Mix, Conversion‑Drops in der Payment‑Strecke, Cost‑to‑Serve und Ländersegmentierung, über Web‑Dashboards und APIs.
- KI‑Modelle zur Optimierung von Checkout‑UX (empfohlene Zahlarten je Kunde/Device/Land), Dynamic‑Pricing‑Hinweisen und Prognosen zu LTV, Churn oder Zahlungswahrscheinlichkeit.
4. Identity‑, Compliance‑ & Trust‑Layer
- Integrierte eKYC/eID‑Lösungen, digitale Identitäten und Alterssicherung, nutzbar sowohl für Kontoeröffnung als auch für Hochrisiko‑Transaktionen.
- „Compliance as a Service“: Screening (Sanctions/PEP), AML‑Monitoring, Travel Rule (bei Krypto), Reporting an Aufsichtsbehörden – idealerweise modular und per API.
5. Value‑Added‑Services rund um Loyalty & Marketing
- Wallet‑basierte Loyalty‑Programme, Cashback, Promotions und Couponing, die direkt an Transaktionen gekoppelt sind (ähnlich Super‑App‑Logiken in Asien).
- Contextual Offers: PSP stellt Merchants ein Framework bereit, um aus Payment‑Daten personalisierte Angebote, Cross‑/Upsells oder Partner‑Deals auszuspielen.
Konsequenzen für Risk‑ & Fraud‑System‑Provider
Risk‑Engines verlagern sich von transaktionszentrierter Regelprüfung zu einem persistente‑Identität‑ und Intent‑basierten Ansatz.
1. Echtzeit‑KI & Behavioral Intelligence
- Vollständig KI‑getriebene, in Millisekunden laufende Fraud‑Entscheidungen mit Behavioral Biometrics, Device‑Fingerprinting, Graph‑Analysen und Kontextsignalen über mehrere Händler hinweg.
- Shift von „schlechte Transaktion erkennen“ zu „schlechte Identität/Account erkennen“, inklusive langfristiger Reputation‑Scores und Netzwerk‑Effekten.
2. Schutz neuer Use‑Cases (Digital Goods, In‑App, AR/VR)
- Spezialisierte Module für digitale Güter, Gaming, Streaming und virtuelle Items, wo Instant‑Delivery kaum Zeit für manuelle Checks lässt und Fraud‑Muster anders sind.
- Erkennung und Begrenzung von Promo‑Abuse, Referral‑Fraud, Multi‑Accounting und Content‑Abuse, die im Kontext von Social‑ und Live‑Commerce besonders relevant werden.
3. Friendly Fraud & Dispute‑Management
- Tools zur Minimierung von Friendly Fraud/Chargebacks (Rich Evidence, Verhaltens‑Logs, Kommunikation mit Issuern, integrierte Dispute‑Workflows) als eigenständiges Produkt.
- Prognosemodelle, welche Transaktionen ein höheres Chargeback‑Risiko tragen, um präventiv zusätzliche Verifikation oder alternative Zahlarten anzubieten.
4. Identity‑Graph & Cross‑Merchant‑Reputation
- Aufbau eines globalen oder regionalen Identity‑Graphs, der Geräte, E‑Mails, Telefonnummern, Zahlungsmittel und Verhalten über viele Merchants hinweg verknüpft.
- Reputations‑Scores als Service für Merchants und PSPs, ähnlich „Fraud‑Schufa“, um gute Kunden reibungsloser und schlechte aggressiver zu steuern.
5. Governance, Explainability & Regulatorik
- Erklärbare KI‑Modelle (XAI) zur Erfüllung von AI‑Act‑ähnlichen Anforderungen, inklusive Audit‑Trails, Bias‑Kontrolle und einstellbarer Risikopolitiken.
- Konfigurierbare Policy‑Layer, mit denen Händler und PSPs unterschiedliche Risk‑Appetites, Länderregelwerke und Branchenanforderungen abbilden können.
Konkrete Zusatzleistungen für Online‑Merchants
Aus Händlersicht werden folgende Zusatzleistungen in den nächsten Jahren besonders attraktiv bzw. „Pflicht“:
- Unified‑Commerce‑Payment: Ein Vertrag, ein Reporting für Webshop, Marktplätze, App, Social‑Commerce und ggf. Filialen, inklusive einheitlicher Kundensicht.
- Checkout‑Optimierung „as a Service“: A/B‑Tests, KPI‑Monitoring und UX‑Empfehlungen direkt vom PSP/Risk‑Provider, nicht nur von Agenturen.
- Plug‑and‑Play‑Module für BNPL, Micro‑Subscriptions, Pay‑per‑Use und In‑App‑Purchases, inklusive Risikoübernahme/Absicherung.
- Integrierte Fraud‑Suite mit Device‑Intelligence, Behaviour‑Scoring, Bot‑Detection, Account‑Takeover‑Prevention und Promo‑Abuse‑Shield.
- End‑to‑End‑Reporting über Payment‑Kosten, Fraud‑Kosten und Lost‑Revenue durch False Positives – als Management‑fähige Kennzahlensicht.

Weitere Infos durch Anfrage an info(at)bdoa.de
